Berlin 1. Mai 2019

Es war ein frühsommerlicher Nachmittag als mein Anschlussflug aus DÜS in TXL landete. Tegel. Westberlin. Für’n gebürtigen Ossi und Ostberliner, der lange Zeit in Lichtenberg lebte, ein Leidenspflaster.

Desto froher war ich, meine Mutter, die in Magdeburg und meinen Stiefvater aus Aschersleben in die Arme zu drücken. 8 Monate lang habe ich mich aus der schieren Obdachlosigkeit in Nordengland herausgearbeitet für diesen einen Moment.

Die Reise nach England begann etwas…ambitioniert würde man sagen. Der Nachbar aus dem Osten, also für uns Magdeburger der Sachse und der Pole würden sagen „Es ist mal was Anderes“. Dass mein Koffer, mein einziger Freund sein würde für die nächst Zeit, wäre mir nichtmal im Albtraum gekommen.

3 Uhr Morgens am magdeburger HBF

Die Hoffnung war groß, die Geldbörse klein und bekanntlicherweise kommt Hochmut immer vor den Fall. Und in diesen war es ein prager Fenstersturz. Nur dass mich mein Traumjob aus dem Fenster warf.

Besagte große Firma welche ich nicht mit Namen nennen werde, versprach mir eine Wohnung in Newcastle. Nur war die viel zu kalt, denn die Heizung und die E-Heizung liefen beide nicht.

Es war auf jeden Fall mal was Anderes und bald kam mich auch mein guter Kumpel Matthew besuchen, den ich ausm Internet kannte, da er immer meine CounterStrike-Livestreams verfolgt hat

Wir fuhren also mit dem Bus durch die Gegend, erzählen ein wenig über Odin und die Welt und Zack – werde ich eingeladen bei Ihm zu wohnen, denn bei Matthew funktioniert der Boiler.

Wer es vielleicht nicht wusste – in Nordengland heizt man mit Gas und das ist Sauteuer. Die Erfahrung habe ich auf die harte Tour gelernt. Als dann eines Tages auch der Strom Weg war, wurde es mir zu viel.

Ich gehe hier noch nicht auf das zusammenleben mit Matthew ein, da das einen Blogeintrag alleine ausreichen würde. Und über den Rest meiner Zeit in Newcastle würde ich auch später mehr schreiben.

Aber zurück zum 1.Mai2019 in Berlin Tegel, meine Mutter voll erstaunt, dass ich den 24Kg Koffer mit einer Hand trage und deutlich an Gewicht verloren habe, woran ich dem schlechten Essen und der eigenen Armut die Schuld in die Schuhe schiebe.

Die Autofahrt war schnell vorbei, da meine Mama und ich uns viel erzählten. Es war außerdem Tag der Arbeit und Berlin war wie Berlin immer am 1. Mai ist, daher wollten wir auch nur so schnell wie möglich Heim.

Aber vorher ging’s noch zu Subway. Immerhin muss der Junge ja essen und auch mein Stiefpapa hatte Hunger. >> Ein Footlong Chicken Teriyaki Honey Oat Toasted mit alles und extra Bacon! <<

Meine Mutter starrt mich verdutzt an >> Du weißt aber schon, dass die Subs hier immer getoasted sind mein Kind? <<, ich sehe verwirrt zu meinem Stiefvater der schon längst zur Toilette gerast ist und dann wieder verwirrt zu meiner Mutter.

>> Das…Das ist in England nicht selbstverständlich! Die machen auch keine Soße auf die Subs sondern packen die in kleine Plastikschälchen wie bei meinem Freund Hûy, wenn du bei Ihm Essen bestellst zum mitnehmen mit Soße. <<

Nun schaut meine Mutter mich verwirrt an und die Dame am Tresen fragt was ich für ’ne Soße will. Natürlich weiß ich nicht mehr was meine Lieblingssoße war also sagte ich Ihr, Sie solle mir einfach BBQ-Soße draufschmieren, das würde schon gehen.

Als die Subs dann fertig waren und wir am Tisch im Laden saßen, war die Schlange voll. Mutter hatte für meinen Stiefvater noch einen Sub mitbestellt. Ein Glück, denn die Schlange die sich bildete bestand aus jungen, betrunkenen West-Berlinern.

Egal. Mein Stiefvater nun wieder da, völlig verblüfft darüber, als meine Mutter Ihm darüber berichtete, wie man in England einen Sub bestellt und wir fingen an zu essen.

Der erste Bissen – himmlisch. Einfach fantastisch. Ich hatte Tränen in den Augen und meine Mama besorgt >> Kind? Alles okay? <<, ich seh‘ auf zu ihr >> Ja Mama, alles tutti. Ich hatte nur schon viel zu lange kein gutes Essen mehr! << jammerte ich und aß die erste Hälfte des Footlongs in großen Bissen.

>> Boh bin ich satt << sagte ich ächzend und lehnte mich zurück. >> Bifdu Krank? << fragt mein Stiefpapa mit vollem Mund. >> Nee, ich weiß nicht, in England war nix Nahrhaft und nix gut an Essen. Ich hab halt von wenig leben müssen. Muss mich erst umgewöhnen <<.

Mein Stiefvater lacht >> Na sonst haste das immer inhaliert in so 5 Minuten oder so. Und jetzt… <<, merkte er an und nahm einen weiteren Bissen in seinem Sandwich. In der Tat. Damals habe ich gefressen wie ein Scheunendrescher.

Damals war ich auch noch so dick, wie ein kleiner Kalli und das war höchst ungesund. Nun, ich hatte dann aber auch schnell wieder Hunger gehabt und aß auch noch das letzte Stück vom Sub. 6h Flug ohne Frühstück ist einfach nicht so toll.

Wir packten alles zusammen, warfen den Müll in die Mülleimer und gingen zurück zum Auto, während ich meiner Mutter mit dem Bauch voll mit Essen erzähle, was in England so abgeht.

Unweigerlich kam auch auf – Das Thema Brexit. Das ist nämlich anders, als dass der ARD uns das glauben machen will. Dem werde ich euch, genau wie meiner Mutter im Auto zu dem Zeitpunkt, später mehr erklären.

Es war fast dunkel als wir in Aschersleben ankamen und ich trug soviel ich konnte mit in Mamas Wohnung. Dort traf ich auf eine warme, dichte Wohnung, mit vollausgestattetrt Küche, einem Sixpack Vita Cola, einer Kaffemaschine und Süßigkeiten.

Ich war Baff. Auch wenn ich Tausendmal vor meiner Abreise da war, dieser Wandel von Lebensstandards war zu heftig. Ich durchging einen rückwirkenden Kulturschock.

Ich fing an alles zu betatschen und zu bestaunen, was zwar merkwürdig für meine Mutter war, aber Sie verstand auch warum. Wer eine lange Zeit in der untersten Gesellschaftsschicht lebt und dann in eimer Wohnung der Arbeiterklasse übernachten darf, der ist erstmal perplex.

Zwei-Punkt-Kontakt-Stecker und passende Steckdosen! Ein sauberes Bad! Ein Spiegel! Oh bei Tyr, ein Spiegel!!! Sowas hatten wir nicht. Konnten Matthew und ich uns nicht leisten da drüben in Newcastle.Wir lebten ja außerdem auch von Fisch aus der Dose

Tunfisch. Den haben wir immer mit Mayo gegessen.

Auf dem großen Sofa war mein Schlafplatz und ich war so dankbar endlich ein weiches Bett zu haben. >> Weich? Also ich finde das hart! <<, sagte meine Mama zu mir. >> Du hast auch nicht Monatelang aufm Boden geschlafen. << lachte ich.

Mittlerweile nehme ich es mit Humor, doch meine Verwandten und ich wissen es besser. Die Zeit war grausam und gar nicht lustig. Jedoch werde ich jetzt, wie auch in der Geschichte von mir am 1. Mai, welche ich euch heute erzählt habe, schlafen gehen und euch an einem anderen Tag mehr erzählen.

Boili der Gasboiler. Lief selten.
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